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Meinungsaustausch über Politik und Kultur

Anmerkungen zu Timothy Snyders Gespräch in der Neuen Zürcher Zeitung v. 30.01.2019.
Den Wortlaut des Artikels finden Sie HIER .

Anlässlich der Vorstellung seines neuen Buches «Der Weg in die Unfreiheit» äussert sich der in Yale lehrende amerikanische Historiker Timothy Snyder zur Frage, was ist die Zukunft Europas und worin liegen die Wurzeln der EU.

Er vertritt hier eine typisch amerikanische Sichtweise auf Europa, wobei «Macht» und «wirtschaftliche Prosperität» immer zusammen betrachtet werden.

Dies mag für die USA, die einen Wirtschaftsraum von ca. 325 Mio Menschen darstellt und eine einheitliche, militärisch bestimmte, Machtpolitik nach ihren Interessen weltweit verfolgt, stimmen.

In Europa ist es jedoch grundverschieden.

Stutzig wird man auch, wenn man seine Interpretation der Annäherung Deutschlands und Frankreichs in den 50er Jahren liest. Nach Snyder beruht sie auf der Konsequenz von 2 Niederlagen in «Kolonialkriegen», der französischen in Indochina und der deutschen in Russland.

Dies erscheint als eine sehr abenteuerliche Begründung der Beendigung der deutsch – französischen Erbfeindschaft.

Tatsächlich ist die EU gegründet auf der Montanunion von 1952, deren Zweck die Einhegung Deutschlands war. Sie hat sich dann 1957 zur EWG und 1993 zur EG weiterentwickelt. Die heutige Weiterentwicklung der EG zur EU von 2009 schuf erst die Probleme, die wir heute haben.

Der Grund für die deutsch – französische Annäherung waren nicht irgendwelche Hirngespinste von Imperien im europäischen oder fernen Osten, sondern das tatsächliche Lernen aus der Geschichte, d.h. aus dem Irrweg der beiden Weltkriege, die zum einen, zum französischen Trauma von 1940 führte und zum andern zum Untergang des Deutschen Reiches 1945.

Mit dem Ende des Deutschen Reiches endete gleichzeitig auch die 800 – jährige Geschichte der deutschen Siedlungsgebiete östlich der Oder. Dadurch wurde die
200 – jährige Dominanz Preussens und der deutschen Interessen im Osten beendet und es blieb nur die Hinwendung zum Westen, also zu Frankreich.

Dies war genau das, was die «rheinischen Separatisten», mit ihnen auch Adenauer, in den 20er Jahren wollten: eine Hinwendung zu Frankreich, in der Tradition des Rheinbundes unter Napoleon und eine Abwendung von der preussischen Dominanz.
Interessanterweise umfasste das Gebiet des Rheinbundes 1806 in grossen Teilen die Grenzen der Bundesrepublik 1949.

Der 2. Fehler, den er macht, ist die Gleichsetzung von wirtschaftlicher Macht und politischer Macht in Europa.

Wie die Ära Merkel sehr anschaulich macht, bedeutet das Eine nicht das Andere.
Ganz im Gegenteil macht seine wirtschaftliche Dominanz Deutschland politisch schwach.

Wer vom Handel abhängig ist, kann schlecht einen Handelskrieg führen und damit anderen Staaten seinen Willen aufzwingen. Bei einem riesigen Wirtschaftsgebiet wie der USA oder China ist das anders.
Deutschland kann von seinem Binnenmarkt nicht leben. Insofern ist es auf Freihandelsstrukturen wie die EG angewiesen. Die «ever closer Union» der EU ist jedoch ein Projekt der europäischen Eliten, das in Europa zunehmend an Unterstützung verliert. Die EG der 80er und 90er Jahre hätte auch nie den Furor der «Brexiteers» heraufbeschworen.

Man sieht die Geschichtsvergessenheit der politischen Klasse in Deutschland heute sehr anschaulich an Merkels Mantra «Wenn der Euro scheitert, scheitert die EU».

Als wenn die «EU» der Rahmen wäre, der gleiche Chancen für alle Länder in Europa schafft. Die EU ist ein riesiger Umverteilungsapparat, genau nach dem Gusto der politischen Klasse, die Problemfelder künstlich schafft, damit sie nachher die Mittel bekommt, sie scheinbar zu beseitigen.

Keiner der Staatsmänner, die 1957 in Rom die Gründungsakte des gemeinsamen Marktes (EWG) unterzeichneten, hatten die EU von heute im Sinn.
Lediglich in Deutschland, das bis 1990 keine vollständige staatliche Souveränität hatte, erfreute sich die EWG und damit «Europa» immer einer irrationalen Hingezogenheit als Ersatz für das verlorenengegangene Reich.

Ebenso irrt Snyder, wenn er meint, die Gegner der EU wollen zu einem Modell von einzelnen, konkurrierenden, Nationalstaaten, so wie in den 30er Jahren, zurück.

Niemand der EU Kritiker stellt die europäische Entwicklung der letzten 50 Jahre zum Freihandelsraum der EG in Frage. Was viele jedoch nicht wollen, ist die «ever closer union» seit Einführung des Euro (1999) , die den Nationalstaat zunehmend absorbiert.

Der natürliche Bezugspunkt jedes Volkes ist immer die eigene, nationale Geschichte. Gerade die von Snyder zitierten Länder, wie Polen und Ungarn, deren Nationalstaat, wie er, grosszügig über deren Geschichte hinweggehend, angeblich nur «kurze Zeit» bestand, haben starke Wurzeln in ihrer nationalen Identität, die sich gerade auf ihre historischen Imperien beziehen.

In Ungarn sind dies die 9 Jahrhunderte seit der Gründung des ungarischen Königreiches im 11. Jahrhundert  bis zum Untergang des k.u.k. Imperiums 1918. Die fast mythische Verehrung der ungarischen Königs Reliquien („Stephanskrone“) ist hier der deutlichste Beweis.
In Polen gibt es sogar 3 historische Identifikationsstränge: zum einen, die Zeit des polnischen Königreiches vom Mittelalter bis zum Ende des polnischen Staates 1795, zum anderen, die kurze Zeit des von Napoleon neugeschaffenen Grossherzogtum Warschau („Kongresspolen“) und schliesslich die Zeit der polnischen Republik der 20er und 30er Jahre.

Natürlich waren diese Staatsstrukturen, abgesehen vom späten 19.Jahrhuntert, nicht national ethnisch ausgerichtet, sondern universal, wie man gut an der Habsburger Monarchie sehen kann.
Insofern ist gerade die Rückbesinnung auf die verschiedenen imperialen Staatsgebilde der europäischen Geschichte eine tragfähige Brücke in ein gemeinsames Europa, das die Unterschiede nicht einebnen will, sondern respektiert.

 

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